Frank vom Blog „reisswolfblog“

Frank ist einer dieser talentierten Menschen, die nicht nur lesen, sondern auch selbst scheiben.
Daher findet man auf seinem Blog nicht nur unzählige Rezensionen zu tollen und spannenden Büchern, sondern ebenso seine abc.Etüden, die wöchentlich rauskommen.
Bereit seit fünf Jahren postet Frank mit einer beeindruckenden Kontinuität seine Rezensionen, sodass seine Website ein empfehlenswerter Fundus für uns alle darstellt.

Was macht Literatur mit dir, deinem Leben?  
David Mitchell hat in „Der Wolkenatlas“ mal geschrieben „Bücher bieten keine wirkliche Rettung an, aber sie halten den Geist davon ab, sich wund zu kratzen.“ Und der französische Schriftsteller Philippe Djian soll mal gesagt haben „Wenn es mir schlecht geht, gehe ich nicht in die Apotheke, sondern zu meinem Buchhändler.“ Und ich denke, diese beiden Zitate bilden ziemlich gut ab, was Literatur mit mir macht: Sie tut mir schlicht und ergreifend gut. Und das geht sicherlich nicht nur mir so. Ich behaupte, 100 Seiten von Carlos Ruiz Zafón, möglichst an der frischen Luft gelesen, wirken besser als jede Schmerztablette.  

Aus welchem Grund liest du?  
Nur einer? Es ungefähr einundelfzig Gründe, zu lesen. Aber sollte ich mich für einen einzigen entscheiden müssen, wäre das ein vollkommen egozentrischer: Da ich um die o. g. Wirkung von Literatur auf mein Wohlbefinden weiß, ist es nur logisch, sich von Zeit zu Zeit damit zu beschäftigen, wenn ich denn möchte, dass es mir gut geht. Was ganz allgemein gesprochen meistens der Fall ist.  

Was macht das Lesen für dich so besonders?  
Auch bei dieser Frage ist es schwierig, das auf nur wenige Punkte zu beschränken, aber: Ich mag daran, neben der Tatsache, dass mich Lesen an Orte und in Zeiten führt, an bzw. in die ich wohl nie kommen werde, vor allem die Ruhe, die Abgeschiedenheit, die Kontemplation und die nur aus mir bestehende – meistens – angenehme Gesellschaft meiner Selbst.  

Wann und wo liest du am liebsten?  
Das ist in der Tat jahreszeitenabhängig. Im Sommer lese ich am liebsten nachmittags draußen im heimischen Garten. Da man das in den hiesigen Breitengraden ja nur über einen begrenzten Zeitraum machen kann, verlege ich das Lesen im Winter am liebsten in die Abendstunden und ins Bett. Es soll ja Experten geben, die behaupten, man solle nicht im Bett lesen, weil das Hirn das Bett dann nicht mehr als Ort des Schlafens speichert und man dann schlechter schläft. In meiner grenzenlosen Unkenntnis halte ich das allerdings, mit Verlaub, für Unfug und halte an meinem Tun fest. Es ist halt nirgendwo so gemütlich wie im eigenen Bett.  

Welche Art von Büchern liest du am liebsten?  
Anhand der Genreverteilung der Rezensionen in meinem Blog könnte man auf die Idee kommen, dass ich bevorzugt Krimis und Thriller lese. Grundsätzlich ist das auch gar nicht verkehrt, aber es ändert sich dennoch von Zeit zu Zeit. Früher habe ich viele historische Romane gelesen, was ich heute nur noch selten tue, später dann Krimis und Thriller und mittlerweile bin ich erneut dabei, ein bisschen aus meiner literarischen Wohlfühlzone auszubrechen.  

Nach welchem Prinzip ordnest du dein Bücherregal?  
Die Frage enthält mit „Prinzip“ und „ordnest“ gleich zwei Wörter, deren Bedeutung mir gänzlich unbekannt ist. Wobei, gut, Prinzipien habe ich schon – nur absolut keines davon hat auch nur im Geringsten mit Ordnung zu tun. Was vielleicht erklärt, warum sich bei mir nicht nur im Bücherregal, sondern eigentlich an jeder Ecke Bücher befinden.  

Lesezeichen oder Eselsohr?  
LESEZEICHEN! Eselsohren sind ein Akt reiner Barbarei, ein Zeichen für die Verrohung der Gesellschaft, den Verfall der Sitten und die Sinnlosigkeit alles irdischen Seins! Ich übertreibe? Mitnichten! Bei absichtlichen Eselsohren bekomme ich Schnappatmung der Entrüstung.  

Welches ist dein absolutes Lieblingsbuch?  
Ich denke, so etwas wie das EINE Lieblingsbuch habe ich gar nicht. Ich müsste also mehrere erwähnen. Beispielsweise habe ich eine hohe Affinität zu Paulo Coelhos „Veronika beschließt zu sterben“, da kann Denis Scheck den Schriftsteller noch so oft als „Schwachsinnsschwurbler“ verunglimpfen, das ändert nichts. Ansonsten streue ich den literarischen Boden, den David Mitchell wandelt, mit Rosen, Bücher wie „Die Knochenuhren“ oder insbesondere natürlich „Der Wolkenatlas“ müssen also auch genannt werden.  

Mein absolutes Lieblingsbuch in der letzten Zeit war …?  
…“Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ von Joël Dicker. Dicker, bzw. seine Bücher, müsste zu der vorangegangenen Frage auch unbedingt noch genannt werden.  

Hast Du ein Lieblingszitat?  
In der jüngeren Vergangenheit hat mir besonders Robert Menasses Satz aus „Die Hauptstadt“ gefallen:   „Das Anstarren von Senf auf einem Teller, während in der Pfanne eine Wurst verbrennt, ist in der Fachliteratur noch nicht als eindeutiges und typisches Symptom für eine Depression beschrieben worden – dennoch können wir es als solches interpretieren.“  
Der schon erwähnte David Mitchell schreibt aber auch relativ zitierwürdige Sätze. Als ein Beispiel sei hier mal folgender Satz aus „Der Wolkenatlas“ genannt:   „Zuweilen flitzt das flauschige Kaninchen Fassungslosigkeit so rasant um die Kurve, dass der Windhund Sprache perplex in der Startbox sitzen bleibt.“  
Aus meiner Sicht ungeschlagen bleibt aber folgender Satz, ebenfalls von Mitchell, diesmal aus „Die Knochenuhren“:   „Bis zum letzten Satz hatte er sich wacker geschlagen, aber wenn du einem rachgierigen Einhorn den blanken Arsch präsentierst, reduziert sich die Anzahl der möglichen Szenarien auf eins.“  

Hast du spezielle Macken, wenn es um Bücher oder das Lesen geht?  
Nein. Gut, ich vermeide Leserillen beim Lesen. Leserillen sind der Antichrist des Buchliebhabers! Leserillen sind sogar schlimmer als Eselsohren. Leserillen sind das erste Anzeichen für das nahende Armageddon! Ich übertreibe? Mitnichten! Bei Leserillen bekomme ich Schnappatmung der Entrüstung! Geht das als Macke durch?  

Hast Du sowas wie ein Ritual beim Lesen?  
Nein.  

In welchem Genre fühlst Du Dich am wohlsten?  
Wenn es ein Genre gibt, dass ich jederzeit, sommers wie winters, bei Sonnenschein oder Schneefall, tags oder nachts lesen könnte, dann bleibt das der Krimi.  

Welche Bücher interessieren dich überhaupt nicht?  
Chic-Lit, Liebesromane, kitischige historische Romane – und „Harry Potter“. Für den fühlte ich mich, als es rauskam, schon zu alt, war es auch und bin es noch.  *Anmerkung der Blogbesitzerin: Man ist nie zu alt für Harry Potter! Lest es, alle, aber bitte kritisch. Und hinterher tauschen wir uns über die Ähnlichkeit der Todesser zur Gestapo aus.

Gibt es ein bestimmtes Buch, das die Liebe zum Lesen bei dir entfacht hat?  
Das gibt es in der Tat: „Die weißen Kundschafter“ von Anna Müller-Tannewitz, erstmals erschienen 1979.   Gut, zu diesem Zeitpunkt war ich selbst noch etwas zu jung, um es zu lesen, holte das aber ein knappes Jahrezehnt später nach und war – ich erinnere mich noch gut – total begeistert von der Lektüre und, in aller Bescheidenheit, ein wenig stolz darauf, erstmals ein Buch der Kategorie „Wälzer“ geschafft zu haben. Zumindest kam es mir damals wie ein solcher vor. Zufälligerweise sprach mich gerade gestern eine ganz zauberhafte Person – sich der Bedeutung des Buches für mich bewusst – darauf an und fragte, ob ich es denn schon mal rezensiert habe. Und ich musste erstaunt feststellen: Nein! Und das sollte ich mal nachholen. Das Buch dürfte heute erfrischend politisch unkorrekt wirken …  

Gibt es ein Buch aus Deiner Kindheit, an das du dich besonders erinnerst?
Nein, eigentlich nicht.  

Hand auf´s Herz, Klassiker: aus gutem Grund Klassiker oder total überbewertet?  
Das kommt ganz eindeutig und ausschließlich auf den Klassiker an! Aber wenn eine Menge Leute, die sich damit auskennen, behaupten, dass ein Buch ein Klassiker sei, dann sollte man diesem Urteil vertrauen und ggf. hinnehmen, das man selbst damit einfach nichts anfangen kann, denn das schließt sich ja nicht gegenseitig aus.  

Was verleitet dich bei einem Buch am ehesten zum Zugreifen? Titel, Autor, Cover, Klappentext oder ganz was anderes?  
Nun, in erster Linie mal die Autorin oder der Autor. Irgendwann ist der Punkt erreicht, wo man so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller für sich entdeckt hat, das praktisch immer gerade ein Buch aus diesem Personenkreis erscheint, das man sich dann bedenkenlos zulegen kann. Sollte mir der Autor unbekannt sein, dann orientiere ich mich sinnigerweise in erster Linie am Klappentext. Coverkäufer bin ich nur ganz selten.  

Gibt es Gründe und Situationen, die dich am Lesen besonders reizen?  
Nichts, was über das bereits Erwähnte hinausginge.  

Gehören bestimmte Dinge oder Umstände für Dich unbedingt zum Lesen mit dazu?  
Kaffee und Sonnebrille im Sommer, Kaffee ohne Sonnenbrille im Winter.  

Liest Du ein Buch nach dem anderen oder mehrere gleichzeitig?  
Früher habe ich durchaus mehrere Bücher gleichzeitig gelesen, mittlerweile tue ich das nicht mehr. Einerseits finde ich es nervig, immer wieder in die Geschichte hineinfinden zu müssen, wenn ich zwischen meinetwegen 5 Büchern beständig wechsele, andererseits habe ich den Eindruck, dass mein Bezug zum Gelesenen, der Umfang, in dem ich mich auf ein Buch einlasse, größer ist, wenn ich mich nur auf ein einziges Buch beschränke.  

Hast Du bestimmte Bücher mehrmals gelesen? Und warum?  
Welche Wohltat, das im Zusammenhang mit dieser Frage die unsägliche Wortschöpfung „reread“ vermieden wurde! 😉 Um selbige zu beantworten: Ja, habe ich, aber die nochmal gelesenen Bücher kann ich an maximal zwei Händen abzählen, das kommt insgesamt also eher selten vor.  

Was ist das Schönste für dich am Lesen?   
Die Ruhe des Geistes bei gleichzeitiger sinnvoller Beschäftigung desselben.  

Buch oder Hörbuch?  
Buch! Beides sind, in meiner Wahrnehmung, völlig unterschiedliche Medien, wenn es darum geht, wie intensiv ich mich mit ihnen befasse. In einem Buch kann ich zurückblättern, Sätze nochmal lesen, Stellen markieren (auch wenn das einen weiteren Frevel darstellt!). Gut, all das könnte ich bei einem Hörbuch auch (auch wenn ich das Stellen markieren aus ganz anderen Gründen unterlassen sollte), würde es aber niemals tun. Auch hier ist es wieder ein subjektiver Eindruck, aber der Umfang, mit dem ich mich auf ein Buch einlasse, ist ein ganz anderer als beim Hörbuch.  

Liest du Rezensionen? Warum (nicht)?  
Aber natürlich, man muss sich doch weiterbilden. 🙂  

Wie findest du neue Bücher? Woher kommt deine Inspiration?  
In erster Linie durch Stöbern in der Buchhandlung meines Vertrauens, bis ich das Gefühl habe, das mich etwas anspringt. Die Buchhändlerinnen und -händler meines Vertrauens wissen mittlerweile, dass das manchmal ein wenig Zeit in Anpruch nehmen kann und lassen mich freundlicherweise gewähren. Als zweite Quelle seien da die Rezensionen anderer Buchblogger und Innen genannt, in seltenen Fällen werde ich auch mal durch im Fernsehen vorgestellte Bücher aufmerksam.  

Jetzt mal ganz ehrlich: Hast du schon mal ein Buch nach seinem Einband beurteilt?  
Nein, ich beurteile ein Restaurant, in dem ich mir eine Lebensmittelvergiftung zugezogen habe, ja auch nicht nach der Tischdekoration.  

Ein Buch, das fast niemand mag, aber das du liebst ist …? (Warum?)  
Ob es niemand mag, kann ich nicht beurteilen, ich habe nur festgestellt, dass es – gefühlt – niemand kennt: „Der fünfte Stein“ von Micha Pansi, einer Schweizer Fantasyautorin. Ich kann es Liebhabern des Genres nur empfehlen, weil es gute Ideen und Ansätze hat, die man sonst selten im Genre findet. Mittlerweile dürfte man es nur noch „gebraucht“ bekommen.  

Ein Buch, das fast alle mögen, du jedoch nicht, ist …? (Warum?)  
Auch hier könnte ich wieder „Harry Potter“ anbringen, möchte aber einerseits weder geteert, noch gefedert und auf Bahnschienen aus der Stadt getragen werden, und ich kann das andererseits so auch gar nicht behaupten, ich habe es ja nie gelesen. Also sage ich, angesichts 13 Millionen Büchern, die Iny Lorentz verkauft hat bzw. haben: „Die Wanderhure“. Das habe ich nämlich gelesen und finde es bis heute fürchterlich.  

Dein absoluter Geheimtipp in Bezug auf Bücher, ist …  
Da muss ich passen …

12 Kommentare zu „Frank vom Blog „reisswolfblog“

  1. Toll zu lesendes Interview, und:
    ich kann nur bestätigen, dass das Lesen im Bett auch meinem Schlaf noch nie geschadet hat. Im Gegenteil: jeder kennt das sicher: irgendwann ist man dann schön müde – man liest nur noch mit den Augen – nur die Sätze kömmen im Grips nicht mehr an, der schläft nämlich schon. Buch dann zuklappen, Licht löschen – und träumen…. 😉
    Viele Grüße – und Kompliment!

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