Vielfalt zahlt sich aus

In den neuen Verlagsprogrammen des Herbstes dominieren wieder mal die Männer. Daraus resultiert die Frage, wie ich als angehende Buchhändlerin im Einkauf darauf reagiere. Als Azubine im zweiten Lehrjahr muss ich „meinen“ Weg des Einkaufs erst noch finden, dennoch war es mir von vornherein wichtig, direkt von Beginn an auf ein möglichst paritätisches Verhältnis von Autorinnen zu Autoren zu achten. Noch vor Beginn meiner Ausbildung wurde ich dank der Aktion #frauenzählen auf das Ungleichverhältnis der Verlagsprogramme aufmerksam und dafür sensibilisiert. Diesen Hintergedanken habe ich mit in meinen Ausbildungsbetrieb genommen.

Frauen bilden die Mehrheit der Kundschaft, nicht nur bei uns im Buchladen, sondern als Zielgruppe des Buchhandels allgemein. Wenn nun also mehr als 60 % meiner Käufer*innen Frauen sind (siehe Studie „Buchkäufer und –leser 2015. Profile, Motive, Einstellungen“), so sollte es doch selbstverständlich meine Aufgabe sein, ihnen Literatur geschrieben von Frauen auch anzubieten und überhaupt anbieten zu können. Daher ist es mir ein persönliches Anliegen, Bücher von Männern und von Frauen paritätisch in unser Sortiment aufzunehmen, in einer ausreichenden Anzahl und Vielfalt vorrätig zu haben und empfehlen zu können. Dies führt letztendlich zu einer breiter gefächerten Auswahl, unabhängig vom Geschlecht und abseits der Spiegel Bestsellerlisten.

Doch nicht nur das vorrätig haben spielt eine Rolle, ebenso die Präsentation und Präsenz. So liegen die Bücher von Autorinnen nicht nur halb versteckt in Bücherstapeln, sondern werden ebenso frontal präsentiert, bekommen eigene Regalabteile, werden auf unseren Social Media Kanälen empfohlen und werden selbstverständlich im Schaufenster präsentiert. Ist die Auswahl vorhanden, so greifen auch die Kolleg*innen im Beratungsgespräch häufiger zu Literatur, die von Autorinnen geschrieben wurde. So gibt es mittlerweile im Arbeitsalltag kein gezieltes Auswählen mehr zwischen Büchern von Autorinnen und Autoren, sondern beides ist in ausreichender Auswahl und Anzahl da, sodass automatisch Literatur von allen Geschlechtern gleichermaßen empfohlen wird. Ein schöner Nebeneffekt, der sich im Verlauf der letzten Monate gezeigt hat.

Bei allen guten Absichten, die ich während des Einkaufs natürlich habe, so geht es am Ende immer auch um die Verkäuflichkeit. Gerade zu Beginn meiner Ausbildung musste sich dies noch einspielen. Plötzlich war da diese neue angehende Buchhändlerin, die niemand kannte und von der die Kund*innen nicht wussten, wie sie literarisch „tickt“. Und ich kann Ihnen sagen, dass die Mecklenburger*innen bei neuen Dingen grundsätzlich erstmal zurückhaltend bis skeptisch sind. So fanden auch meine Buchempfehlungen und Einkäufe, gerade von feministischen Titeln, anfangs kaum Absatz. Nach mittlerweile zwei Jahren kann ich Ihnen aber sagen, dass Kund*innen sich ebenso über neue Vielfalt im Sortiment freuen. Zumindest bei unserer Kundschaft kann ich diese Beobachtung machen. Dass diese Varianz des Sortiments nun durch eine vermehrte Präsenz von Autorinnen herrührt, ist ihnen denke ich gar nicht aufgefallen, aber die Freude über frischen Wind im Sortiment ist groß.

Daher ist meine große Empfehlung an alle Buchhändler*innen, vermehrt auf ein Gleichgewicht aus Autorinnen und Autoren beim Einkauf zu achten – gerne auch über die binären Geschlechteridentitäten hinaus. Je vielfältiger die Geschlechter und Gender der Schreibenden sind, desto vielfältiger und variantenreicher wird am Ende Ihr Sortiment. Und davon können letztendlich alle nur profitieren.

Als weiterführende Literatur empfehle ich Nicole Seiferts Buch „FrauenLiteratur – Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch

Ein Kommentar zu „Vielfalt zahlt sich aus

  1. Liebe Frau Lohrenz!
    Ich las Ihren Beitrag im Börsenblatt und habe den Artikel erst einmal zur Seite gelegt, um darüber nachzudenken.
    Nun bin ich eine altgediente Buchhändlerin, die seit 28 Jahren eine kleine Buchhandlung betreibt.
    Und ehrlich gesagt, ist mir niemals in den Sinn gekommen, Bücher nach dem Gesichtspunkt des Geschlechtes des Autors oder der Autorin auszuwählen. Es geht doch darum, dass wir den Kunden gute Bücher empfehlen! Außerdem herrscht in der deutschen Buchhandelslandschaft sowieso ein großer Frauenüberschuss, was mit Sicherheit dazu führt, dass wir alle eher Bücher von Frauen oder Bücher, die Frauen eher interessieren könnten, einkaufen. Was dazu geführt hat, dasss Jungs sich oft in Buchhandlungen nicht wahrgenommen fühlten. Ich glaube, dass das inzwischen vorbei ist, weil uns das klargeworden ist.
    Bei mir liegen nirgendwo Bücher von Frauen versteckt irgendwo herum und ebenso stehen auch Bücher von Frauen natürlich im Fenster! Ich habe auch in keiner anderen Buchhandlung so etwas Merkwürdiges beobachtet.
    Schreiben Sie mir gern, wenn Sie andere Beobachtungen gemacht haben.
    Außer Frage steht, dass zum Thema Gleichberechtigung natürlich noch viel zu sagen und vor allem zu tun ist. Aber in der Präsentation von Büchern in Buchhandlungen sehe ich dieses Problem nicht.
    Erlauben Sie mir bitte noch die Bemerkung, dass ich es auch etwas sonderbar finde, dass Sie sich als junge moderne Frau den Namen „Frollein von Kunterbunt“ ausgesucht haben. Ist Ihnen denn nicht bewusst, dass wir älteren Frauen heilfroh waren, als die antiquierte und frauenfeindliche Anrede „Fräulein“ abgeschafft wurde?
    Natürlich habe ich mit meinen 63 Jahren andere Dinge erlebt als Sie und sehe vielleicht auch Vieles mit meinem „alten“ Blick, aber meine 4 Kinder und 7 Enkel und Enkelinnen halten mich schon ganz gut auf Trab. Ich habe meine Tochter auch zu diesem Thema befragt und die fand auch Ihren Ansatz etwas sonderbar.
    Zweifellos sind die Feuilletons meistens männerdominiert und damit werden oft Bücher von Männern auch eher besprochen. Es gibt immer noch viel zu tun, aber bei meiner Buchauswahl auf das Geschlecht zu achten, halte ich doch für an den Haaren herbeigezogen. Wir wollen den Kunden und Kundinnen doch nur gute Bücher empfehlen und helfen, im Bücherdschungel etwas Orientierung zu geben.
    Nun grüße ich Sie ganz herzlich und wollte Sie keinesfalls kritisieren oder verletzen. Sicher haben Sie andere Erfahrungen gemacht, aber ich glaube tatsächlich, dass das nicht der Buchhandellandschaft in Deutschland entspricht.
    Alles Gute! Und vielleicht mögen Sie mir ja antworten!
    Ingrid Kühn

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